Schulinterne Fortbildungen Kreativitäts-Training

Rudolf B. Wohlgemuth 26160 Bad Zwischenahn Tel. 04403-916014

 

Ein Beitrag zum Paradigmenwechsel:

 

 

 

„Wo werden uns Denkweisen beigebracht, die uns abhängig machen?

Wenn nicht in der Schule?

Ist das nicht die Hauptaufgabe der Schule, uns abhängig zu machen, uns beizubringen, dass nichts aus uns selber heraus entstehen kann, dass es Autoritäten braucht, die über uns und unser Leben bestimmen?

Warum wollen wir nicht merken, was mit unserer Schule los ist?

 

Jedes Kind lernt gerne. Es lernt »von selbst«. Es macht ihm Spaß, nachzuahmen. Hat es je eines Zwanges bedurft. ihm all das, was es im Leben wirklich braucht, beizubringen: zu sprechen, zu essen, zu kriechen, zu gehen, zu laufen, Blumen zu pflücken, Beeren zu suchen, Hütten zu bauen?

 

Das Kind lernt freiwillig und mit Begeisterung. Bis es in die Schule kommt. Dann ist Schluss. Von einem Tag auf den anderen muss es gezwungen werden. Notenzwang, Hausaufgabenzwang, Selektionszwang. Es wäre doch sonst zu faul zum Lernen.

«Sobald ich einen Lehrer sehe, höre ich auf zu lernen», sagt ein l2jähriger Schüler. Hat er nicht recht? Es kommt nicht darauf an, wofür sich der Schüler interessiert, wozu er Lust und Freude hat, ob er sich auch in der Lage fühlt, etwas Neues aufzunehmen. (Jeder Erwachsene nimmt für sich in Anspruch, hie und da nicht gut aufgelegt zu sein, einen »Hänger« zu haben, gar in einem kleinen Tief drinzustecken. Nur der Schüler muss immer präsent sein. Sonst wird er bestraft. Er ist abwesend, unaufmerksam, lernunwillig, faul.)

 

Der Lehrer bestimmt

was ich zu lernen habe

wie viel ich zu lernen habe

wann ich zu lernen habe

wie ich zu lernen habe.

 

Ob es mir entspricht, spielt keine Rolle. Wehe, wenn ich nicht genauso lerne, wie er will! Dann bin ich dumm. Wer sich fügt, ist intelligent. Dabei verwechselt man intelligent und intellektuell. Beinahe alles, was man bei uns als Intelligenz bezeichnet, macht der Computer viel besser. Man spricht nicht umsonst von künstlicher Intelligenz. Intelligenz ist der «Komplex von Fähigkeiten, der die Lösung konkreter oder abstrakter Probleme und damit die Bewältigung neuer Anforderungen und Situationen ermöglicht» (Brockhaus). Es ist genau das, was der Computer nicht kann, nämlich neue Probleme, neue Anforderungen, neue Situationen zu erkennen. Zur Intelligenz gehört Einfühlungsvermögen, Fantasie, Einsicht, sinnliche Wahrnehmung — also das, was einem in der Schule ausgetrieben wird.

 

Intellekt andererseits ist die reine vernunft- und verstandesmäßige Fähigkeit des Erkennens. Was wir als Vernunft bezeichnen, ist programmiertes Wissen. Der Intelligente ist nie intellektuell, der Intellektuelle selten intelligent.

 

Als in den Zürcher Schulen das Obligatorium für die musischen Fächer abgeschafft werden sollte, führte dies zu Protestaktionen eines Teils der Lehrerschaft. Der Zürcher »Erziehungsdirektor« (so heißen in der Schweiz die für die Schulen zuständigen Kultusminister. Gäbe es eine bessere Bezeichnung?) entgegnete, es sei doch eine alte Wahrheit, dass man viel besser und intensiver lerne, wenn man dürfe, als wenn man müsse. «Ein freiwilliges Angebot, das sich nach individuellen Begabungen und Neigungen richtet, spornt die Schüler weit mehr an, als ein obligatorischer Unterricht.» Zum ersten und einzigen Mal war ich mit diesem Erziehungsdirektor einig. Warum hat er wohl daraus keine Konsequenzen für die Schule allgemein gezogen?

 

Jedes Kind ist kreativ. Jedes Kind kann und will gestalten. Der Ton formt sich in seinen Fingern zu den fantastischsten Figuren. Im Sandkasten gestaltet es wahre Märchenwelten. Mit Fingerfarben schafft es kleine Meisterwerke. Wurzeln werden zu Traumgestalten, Tannzapfen zu Tieren, Kastanien zu Menschen. Das Kind ist kreativ bis es in die Schule kommt. Dann ist Schluss. Nach kurzer Zeit hat das angepasste Reproduzieren das fantasievolle Kreieren völlig verdrängt. Wer vorgekautes Wissen fehlerfrei wiedergibt, ist ein guter Schüler. Wer eigenständig und eigenwillig gestaltet, wird zum »auffälligen« Kind. (A propos: Auch in den Steiner! Waldorf-Schulen, die mit ihrem musischen Engagement so hoch angeben, malen und basteln alle Kinder genau gleich:

die gleichen sogenannten anthroposophischen Farben, die gleichen sogenannten anthroposophischen Formen, der gleiche sogenannte anthroposophische Ausdruck.)

 

Was aus der Tiefe kommt, aus dem Bauch heraus, das ist das eigentliche Leben, das ist unsere Natur, das ist Urkraft. Ur-Kraft ist unberechenbar. Die Schüler aber müssen berechenbar sein im wahrsten Sinne des Wortes.

Schöpfen ist unberechenbar Schöpfen setzt Un-Ordnung voraus. Schöpfen kommt aus dem Chaos. Um schöpfen zu können, muss ich leer sein. Wenn ich vollgestopft, angefüllt bin, kann ich nicht schöpfen.

 

Die Schule behauptet aber, möglichst viel in das Kind hineinpumpen zu müssen. Je mehr hineingepumpt werde, desto mehr komme auch heraus. Statt zu fragen, was denn eigentlich »herauskommen« solle. Ob überhaupt etwas herauskommen soll. Ob nicht das Größte, Schönste das Kind an sich ist in seiner Einmaligkeit und seiner schöpferischen Leere.

 

Jedes Kind lebt ungeheuer emotional. Jedes Kind ist fähig, seinen Gefühlen, seinem Empfinden, seinem Erleben frei Ausdruck zu geben. Es ist spontan. Es kann und will weinen, lachen, schreien, trotzen. Es will und kann umarmen, sich verweigern. Es will und kann lieben; es will und kann hassen. Es will und kann Gefühle haben und zeigen. Bis es in die Schule kommt. Dann ist Schluss. Von einem Tag auf den anderen heißt es: Benimm dich! Lass dich nicht gehen! Ein Junge weint nicht! Pfeif nicht, das tut ein Mädchen nicht!

 

Von einem Tag auf den anderen muss es rational sein. Alles muss über den Kopf ablaufen. Lernen ist nicht mehr sinnliche Erfahrung, sondern rationales Eintrichtern. Lernen ist Konsum. Und dann beklagen sich die Lehrer (in der Schweizerischen Lehrerzeitung): «Die Schüler sind heute nicht etwa vorlauter, frecher, gewitzter oder roher als früher; was uns Lehrern zu schaffen macht, ist ihre passiv­gelangweilte Konsumhaltung.»

 

Jedes Kind lebt mit seinem Körper, erlebt seinen Körper. Es hat ein ungeheures Bedürfnis, seinen Körper zu betätigen. Es will rumtollen, springen, hüpfen, tanzen. Bis es in die Schule kommt. Dann ist Schluss. Von einem Tag auf den anderen heißt es: stillsitzen; jahrelang, jahrzehntelang stillsitzen. Der Körper lebt nicht mehr aus sich heraus. Er wird betätigt, genau nach Dosis. In den Pausen, in den Turnstunden, nach dem Unterricht, (aber auch dann heißt es beim Fußballspielen noch: «Warum geht Ihr nicht nach Hause? Ihr habt offenbar zu wenig Hausaufgaben»), auf der Schulreise, vielleicht sogar gelegentlich im Klassenlager. Körperliche Arbeit ist in der Schule ohnehin nichts wert. Sie zählt nicht, sie ist nicht relevant. Diese Art Arbeit soll ja auch für den Rest des Lebens minderwertig bleiben.

 

Jedes Kind lebt ganzheitlich. Es lebt umfassend. Es will alles wissen, alles entdecken, alles machen können. Bis es in die Schule kommt. Dann ist Schluss. Schon sehr bald muss es wissen, was es will. Es muss sich entscheiden, sich spezialisieren, Rollen übernehmen und sich darauf fixieren lassen. Mit anderen Worten: Es muss sich abkapseln, es muss sich schließen (Ganzheit ist Offenheit).

 

Jedes Kind lebt solidarisch. Es will mit anderen Menschen zusammenleben. Es sucht Freunde, Freundinnen. Es bildet Gruppen, Banden, Gemeinschaften. Es will mit ihnen sein, es will mitmachen. Bis es in die Schule kommt. Dann ist Schluss endgültig, fürs ganze Leben. Von einem Tag auf den anderen muss es gegen seine Freundin, gegen seinen Kameraden sein. Es wird nie mehr an sich selber gemessen, wie es sein Leben lebt, was es mit seinen Fähigkeiten und Begabungen macht. Ist es denn nicht schon eine Ungeheuerlichkeit, dass sich einzelne Menschen anmaßen, andere Menschen zu beurteilen, zu messen. Das Kind wird schon gar nicht danach beurteilt, wie es mit anderen Menschen zusammenleben kann, ob es gar für andere Menschen da sein kann. Es geht plötzlich nur noch darum, stärker, besser, schneller zu sein als andere Kinder. Von einem Tag auf den anderen muss ich schöner schreiben als das andere, schneller rechnen als das andere, besser lesen als das andere, heller singen als das andere, weiter springen als das andere dann bin ich gut. Ich darf nur ein Ziel haben: das andere zu übertrumpfen, dann bin ich gut, dann habe ich etwas geleistet. Warum sieht man immer nur den Gewinner, den Sieger? Warum verdrängt man, dass dem Gewinner immer ein Verlierer, dem Sieger immer ein Besiegter gegenübersteht? Ich bin gut, wenn ich den anderen besiegen, ihn unterdrücken kann. Es ist das Karriere- und Konkurrenzprinzip, das mein ganzes Leben beherrschen soll.

 

«Aber Konkurrenz muss doch sein» lautet das Gegenargument. Das Konkurrenzdenken liege doch im Menschen. Schon kleine Kinder rennen um die Wette und machen Spiele, um zu schauen, wer gewinnt und wer verliert. Und was ist mit all den Sportarten und den sonstigen Hobbies, in denen ich mich freiwillig mit den anderen und an anderen messe? Die Freiwilligkeit macht den Unterschied aus. Ich bestimme, ob und wann und wie und mit wem ich um die Wette rennen will oder nicht. Niemand ist gezwungen, sich meinem Wunsch zu unterwerfen. Und vor allem entscheidet der Ausgang der Wette nicht darüber, ob ich nun besser oder schlechter als der andere bin, ob ich in den Augen der »Oberen« ein guter oder schlechter Mensch bin. Die Wette entscheidet nicht über mein Leben. Die Wette bleibt ein Spiel. Der »Homo ludens«, der spielende, der spielerische Mensch bekämpft den anderen nicht.

 

Abgesehen davon: Neue Untersuchungen bestätigen eine altbekannte Tatsache. Das Konkurrenzprinzip wirkt sich in der Erziehung und beim Lernen negativ aus. Kooperation führt zu besseren Ergebnissen. Konkurrenzsituationen lösen Ängste aus. Die Aussicht, verlieren zu können, erzeugt Angst.

Ist Angst vielleicht ein Lehrziel?

 

Was ist mit unserer Schule los? Dient die Schule einzig und allein dazu, dem Kind alle jene großartigen Fähigkeiten abzugewöhnen, die ihm die Natur und eine jahrtausendlange Entwicklung in die Wiege gelegt haben? Hat die Schule denn keinen anderen Auftrag, als uns all das auszutreiben, was uns als Individuen ausmachen würde? Ist dann aber Schule etwas anderes als Gehirnwäsche, damit wir vergessen und verlernen, was wir uns durch eigene Erfahrung angeeignet haben? Hat sich die Schule verselbständigt und fehlentwickelt, dass es ihr nicht mehr darum geht, die Kinder aufgrund ihrer persönlichen Eigenschaften zu einem eigenständigen Leben in selbstgewählten und selbstbestimmten Gemeinschaften zu befähigen? Darf dies die Schule am Ende gar nicht?

 

Auf alle Fälle bestimmt jemand darüber, was und wie Schule zu sein hat.

Was und wie wir zu lernen haben.

Was und wie wir zu sein haben.

Wir werden vergewaltigt, entmündigt.

 

Und wer sich am konsequentesten und widerspruchslosesten vergewaltigen und entmündigen lässt, der schafft die Maturität, die Reifeprüfung, er ist reif fürs Leben. Dem steht die Welt offen.“

 

Aus: Hans A. Pestalozzi: Auf die Bäume, Ihr Affen!, Bern 1989 , S. 154 – 160

    

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